Psychologieprofessorin Eva Asselmann: Wie wir innerlich stabil bleiben

Der Frühling kündigt sich an, die Tage werden länger – und trotzdem fühlt sich vieles wackelig an. Beruflicher Druck, familiäre Spannungen, die ständige Nachrichtenlage: Psychische Stabilität ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Sie ist etwas, das gepflegt werden will, immer wieder neu. Die Psychologieprofessorin Eva Asselmann beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was Menschen innerlich widerstandsfähig macht – und warum manche nach Krisen sogar gestärkt daraus hervorgehen.

Asselmann, die an der Health and Medical University in Potsdam lehrt und forscht, hat mit ihren Arbeiten zur Persönlichkeitsentwicklung über die Lebensspanne hinweg ein breites Publikum erreicht. Ihre zentrale Botschaft: Innere Stabilität ist weniger Veranlagung als Haltung. Und diese Haltung lässt sich trainieren – nicht mit Selbstoptimierung, sondern mit einem ehrlichen Blick auf die eigenen Muster, Bedürfnisse und Grenzen.

Was innere Stabilität eigentlich meint

In der psychologischen Forschung taucht der Begriff emotionale Stabilität als eines der fünf großen Persönlichkeitsmerkmale auf – dem sogenannten Big-Five-Modell. Menschen mit hoher emotionaler Stabilität reagieren weniger heftig auf Stress, erholen sich schneller von Rückschlägen und erleben seltener intensive negative Gefühle wie Angst, Ärger oder Traurigkeit. Das klingt nach einer angeborenen Superkraft. Doch Eva Asselmann betont in ihren Vorträgen und Veröffentlichungen immer wieder: Die Persönlichkeit ist kein statischer Bauplan. Sie verändert sich über das gesamte Leben hinweg – und zwar nicht nur durch dramatische Einschnitte, sondern auch durch alltägliche Entscheidungen, Beziehungen und Gewohnheiten.

Langzeitstudien, auf die sich Asselmann in ihrer Arbeit stützt, zeigen einen ermutigenden Trend: Die meisten Menschen werden mit dem Alter emotional stabiler. Zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr nehmen Neurotizismus-Werte – also die Neigung zu emotionaler Verletzlichkeit – im Durchschnitt deutlich ab. Das bedeutet nicht, dass ältere Menschen weniger fühlen. Es bedeutet, dass sie besser gelernt haben, mit dem umzugehen, was sie fühlen.

Drei Säulen, die Asselmann immer wieder benennt

Selbstkenntnis statt Selbstkritik

Wer innerlich stabil werden will, muss sich selbst kennen – aber nicht im Sinne einer gnadenlosen Inventur. Asselmann spricht von einem wohlwollenden Beobachten: Welche Situationen bringen mich zuverlässig aus der Fassung? Welche Gedankenmuster tauchen auf, wenn ich unter Druck gerate? Wo verwechsle ich Erschöpfung mit Versagen? Diese Art der Selbstreflexion unterscheidet sich grundlegend von grüblerischer Rumination – jenem kreisenden Denken, das Probleme nicht löst, sondern verstärkt. Der Unterschied liegt in der Haltung: Rumination urteilt, Selbstkenntnis beobachtet.

Beziehungen als Stabilitätsanker

Kaum ein Faktor beeinflusst die psychische Stabilität so stark wie die Qualität der eigenen Beziehungen. Asselmanns Forschung zur Persönlichkeitsentwicklung zeigt, dass stabile Partnerschaften, enge Freundschaften und tragfähige Familienbeziehungen messbare Effekte auf die emotionale Widerstandskraft haben. Dabei geht es nicht um konfliktfreie Harmonie, sondern um das Gefühl, gesehen und gehalten zu werden – auch in schwierigen Phasen. Gerade im Frühling, wenn viele Paare nach der Enge der Wintermonate Bilanz ziehen, lohnt sich die Frage: Reden wir noch miteinander – oder nur noch übereinander?

Handlungsfähigkeit bewahren

Innere Stabilität hat viel mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit zu tun – also dem Vertrauen, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. Asselmann verweist darauf, dass gerade in Zeiten gefühlter Ohnmacht kleine, konkrete Handlungen stabilisierend wirken. Das kann die Entscheidung sein, morgens zehn Minuten vor dem Rest der Familie aufzustehen. Oder das Gespräch, das man seit Wochen vor sich herschiebt, endlich zu führen. Stabilität entsteht nicht durch große Umbrüche, sondern durch die Summe bewusster kleiner Schritte.

Warum „einfach positiv denken" nicht reicht

Asselmann grenzt sich deutlich von einer Haltung ab, die in der Ratgeberliteratur weit verbreitet ist: dem Zwang zum Optimismus. Die Aufforderung, negative Gedanken durch positive zu ersetzen, führe häufig dazu, dass Menschen ihre tatsächlichen Empfindungen unterdrücken – was langfristig das Gegenteil von Stabilität erzeugt. Stattdessen spricht sie von emotionaler Flexibilität: der Fähigkeit, verschiedene Gefühle zuzulassen, ohne von ihnen überflutet zu werden. Trauer darf sein. Wut darf sein. Unsicherheit darf sein. Entscheidend ist nicht, was wir fühlen, sondern wie wir mit dem umgehen, was wir fühlen.

Dieser Gedanke schließt an das Konzept der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) an, die nicht auf die Veränderung von Gedanken abzielt, sondern auf einen veränderten Umgang mit ihnen. Asselmann selbst verortet sich nicht in einem einzigen therapeutischen Lager, aber ihre Botschaft deckt sich mit diesem Ansatz: Nicht die Abwesenheit von schwierigen Gefühlen macht uns stabil – sondern die Bereitschaft, sie auszuhalten und trotzdem weiterzugehen.

Was das für den Alltag bedeutet

In Interviews beschreibt Asselmann immer wieder, dass psychische Stabilität keine Eigenschaft ist, die man hat oder nicht hat. Sie ist eher eine Praxis – vergleichbar mit körperlicher Fitness. Wer regelmäßig reflektiert, wer seine Beziehungen pflegt, wer sich nicht dauerhaft überfordert und wer lernt, Unangenehmes auszuhalten statt zu verdrängen, baut innere Widerstandskraft auf. Das klingt unspektakulär. Und genau darin liegt die Stärke dieses Ansatzes: Er verspricht keine Erleuchtung, sondern einen nüchternen, warmherzigen Realismus.

Gerade jetzt, am Übergang vom Winter in den Frühling, wenn viele Menschen eine diffuse Unruhe spüren – den Wunsch nach Veränderung, gemischt mit der Erschöpfung der vergangenen Monate –, lohnt sich die ehrliche Frage: Was brauche ich wirklich, um innerlich stabil zu bleiben? Die Antwort ist selten ein neues Programm. Meistens ist es eine alte Wahrheit, die man sich neu erlaubt: sich selbst ernst zu nehmen.

Häufige Fragen

Ist innere Stabilität angeboren oder erlernbar?

Die genetische Veranlagung spielt eine Rolle – Studien gehen davon aus, dass etwa 40 bis 60 Prozent der Persönlichkeitsunterschiede auf genetische Faktoren zurückgehen. Doch das bedeutet im Umkehrschluss: Ein erheblicher Anteil ist durch Erfahrungen, Beziehungen und bewusste Übung beeinflussbar. Asselmanns Forschung zeigt, dass sich Persönlichkeitsmerkmale über die gesamte Lebensspanne verändern können.

Ab wann sollte man professionelle Hilfe suchen?

Wenn emotionale Instabilität den Alltag dauerhaft beeinträchtigt – etwa durch anhaltende Schlafstörungen, Rückzug aus sozialen Kontakten, starke Stimmungsschwankungen oder das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Erleben zu verlieren –, ist ein Gespräch mit einem Psychologen oder einer Psychologin sinnvoll. Frühzeitige Unterstützung kann verhindern, dass sich Muster verfestigen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Resilienz und emotionaler Stabilität?

Resilienz beschreibt die Fähigkeit, sich nach Krisen zu erholen und daran zu wachsen. Emotionale Stabilität bezeichnet ein Persönlichkeitsmerkmal, das beschreibt, wie stark jemand auf negative Reize reagiert. Beide Konzepte überschneiden sich, sind aber nicht deckungsgleich: Ein emotional instabiler Mensch kann durchaus resilient sein – wenn er gelernt hat, trotz heftiger Gefühle wieder auf die Beine zu kommen.

Was kann ich heute noch tun, um innerlich stabiler zu werden?

Ein konkreter erster Schritt: Nehmen Sie sich fünf Minuten am Abend, um den Tag zu reflektieren – nicht bewertend, sondern beobachtend. Was hat mich heute berührt? Was hat mich gestresst? Wie habe ich reagiert? Diese kleine Gewohnheit schärft die Selbstwahrnehmung und schafft über die Zeit ein inneres Geländer, an dem man sich in schwierigen Momenten festhalten kann.

Verändert sich die emotionale Stabilität im Laufe des Lebens von selbst?

Langzeitstudien deuten darauf hin, dass die meisten Menschen mit dem Alter emotional stabiler werden – besonders zwischen dem jungen Erwachsenenalter und der Lebensmitte. Dieser Prozess geschieht allerdings nicht automatisch, sondern wird durch Lebenserfahrungen, Beziehungen und die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Mustern begünstigt.

Dieser Artikel ist zur Information und Wissensvermittlung gedacht. Er ersetzt keine professionelle psychologische oder psychiatrische Beratung. Bei anhaltender seelischer Belastung wenden Sie sich bitte an eine Psychologin, einen Psychiater oder Ihre Hausärztin.